Deä Zoch könt – und er schickt ihn los!

Günter Hintzen vom AAK hat ein närrisches Jubiläum

Geschrieben am 31.01.2017 20:51 von Hans Creutz

Aachen. Seit elf Jahren hält Günter Hintzen vom FestAusschuss Aachener Karneval e.V. (AAK) die Fäden in der Hand, wenn es um den Rosenmontagszug in der Kaiserstadt geht. Ein närrisches Jubiläum! Wie viel Adrenalin steigt in dem 64-Jährigen auch noch nach elf Jahren hoch, wenn er die Wagen und Gruppen auf dem Adalbersteinweg um sich sammelt, um sie am Rosenmontag zu einem Zug zu formen. Wir unterhielten uns mit dem bekennenden Oecher Deumjroef, Ehemann, Vater einer Tochter und Großvater von zwei Enkeln.

Wie jeck muss man sein, elf Jahre den Rosenmontagszug in Aachen zu organisieren?
G. Hintzen: Ja, verrückt muss man schon ein bisschen sein. Aber ich mache es mit Leidenschaft und weil die Organisation auch meine Stärke ist. Elf Jahre hören sich zunächst nicht so viel an. Doch wenn ich einmal Bilanz ziehe, hat sich in meiner Amtszeit doch Entscheidendes gewandelt.

Hört sich nach Zäsur an...?
G. Hintzen: Der Aufstellungsort zum Adalbertsteinweg wurde verschoben. Nach den tragischen Vorfällen bei der Loveparade in Duisburg kamen neue, verschärfte Sicherheitsbestimmungen auf uns zu. Überhaupt hat sich das Sicherheitskonzept immer weiter entwickelt. So müssen von Session zu Session immer neue Aufgaben bewältigt werden. Im vorigen Jahr war es der große Sturm und diesmal kommen nach dem Anschlag in Berlin wieder Änderungen in puncto Sicherheit auf uns zu. Überall, wo Gefahrenpunkte entstehen könnten, werden wir überlegen, wie wir den Zugweg noch sicherer machen können.

Wie sicher ist der Zug nach dem Terroranschlag von Berlin?
G. Hintzen: Zusammen mit den Vertretern von Stadt und Polizei haben wir uns unter anderem auf mobile Vorsperren verständigt, um einen Anschlag wie in Berlin zu verhindern. Neben vielen hauptamtlichen Sicherheitsbeamten sind auch rund 150 ehrenamtliche Kräfte mit Funkgeräten entlang der Zugstrecke untereinander vernetzt. Sie wachen mit Argusaugen darüber, dass der Rosenmontagszug problemlos über die Runden gehen kann. Dasselbe gilt im Übrigen auch für den Kinderkostümzug am Tulpensonntag.

Denmnach spielen Ordnung und Sicherheit in diesem Jahr eine besonders große Rolle?
G. Hintzen: Ordnung und Sicherheit waren schon immer ein Hauptaugenmerk. Denn ohne Umsetzung der Vorgaben von Polizei und Ordnungsbehörden geht kein Zug an den Start. Das Sicherheitsdenken beginnt ja schon weit im Vorfeld. Zum Beispiel werden Bewerbungen von Privatgruppen von uns persönlich beantwortet. Heißt: Ich nehme keine Internet-Anmeldungen entgegen. Das ist – so altmodisch es klingen mag – nur auf dem Postweg oder telefonisch möglich. Dadurch sind wir gleich im Bilde, um welche Gruppe es sich handelt. Schließlich möchte ich am Rosenmontag auch in dieser Hinsicht keine bösen Überraschungen erleben.

Ein bemerkenswertes Beispiel hat es schon im Vorfeld gegeben, als die Polizei einem Penn-Gardisten seine Gewehr-Attrappe wegnahm. Was empfehlen Sie den Zugteilnehmern und haben sie „bewaffnete“ Gruppen und -Einzelpersonen diesmal besonders im Auge?

G. Hintzen: Natürlich haben wir den Vorfall des Penn-Gardisten rechtlich prüfen lassen, weil er ja auch den Zug betreffen könnte. Fakt ist: Es gibt eine Ausnahmeregelung, dass diese angeblichen „Waffen“ im Zug getragen werden dürfen. Wie die Vereine ihre Schmuckgewehre dorthin bekommen, müssen sie jedoch selbst regeln.

Als Zugleiter sind Sie auch zuständig für den guten Geschmack der Kostümierungen. Wo liegt da die Schmerzgrenze?

G. Hinzen: Grundsätzlich möchten wir keine religiösen Kostüme haben. Auch keine Gruppen und Personen in Kampfanzügen oder anderen Kriegsdarstellungen. Bunte, originelle Kostüme sollten es sein. Das ist ist unsere Vorstellung von Öcher Karneval, um ihn nach außen zu tragen.

Gegen Cowboys und Indianer ist aber nichts einzuwenden...?
G. Hintzen: Auf keinen Fall. Bloß sieht man die ja nur noch ganz selten.

Insgesamt gehört also schon mehr dazu als nur Wagen, Gruppen und Fußvolk am Rosenmontag zu organisieren...?

G. Hintzen: Das ist richtig. Es fängt schon damit an, dass wir nicht jedes Jahr dasselbe Bild haben möchten. So versuche ich die Fußgruppen und Wagen immer wieder neu zu mischen. Schließlich haben wir haben in Aachen sehr schöne Fußgruppe. Und jedes Jahr kommen neue, interessante hinzu. Damit keine Langeweile aufkommt, müssen auch die Musikkapellen entsprechend geordnete werden. Der Zug muss bunt und attraktiv für die Zuschauer am Wegesrand sein. Ich glaube, das ist uns bisher noch immer gelungen.

Die Vorbereitungen bedienen viele Klischees. Zum Beispiel, dass bei den Planungen das berühmte Reißbrett dazu gehört...?
G. Hintzen: Nun ja, ein Reißbrett ist es nicht. Bei mir zu Hause reicht ein großer Tisch, den ich mir eigens zur Zug-Planung hergerichtet habe. Darauf liegen detaillierte Stadtpläne für den gesamten Aufstellungsbereich. Ich selbst bin die Strecke mehrfach abgegangen und habe alle Bauten eigenhändig vermessen. So verfüge ich inzwischen über alle wichtigen Informationen, um den Rosenmontagszug planbar und vor allem pünktlich in Marsch zu setzen.

Lief in Ihrer Amtszeit denn bisher alles reibungslos ab, oder gab es auch Momente, in denen Sie die Brocken am liebsten geschmissen hätte?
G. Hintzen: So schnell schmeiße ich die Brocken nicht. Wie gesagt, steht doch alles mit einer guten Organisation. Toi, toi, toi ist bisher noch alles gut verlaufen. Zudem ist unser Konzept so konstruiert, dass wir auch während des Zuges noch eingreifen können, wenn es nötig ist. Bei der Sturmwarnung im letzten Jahr hat sich bestätigt, dass unser Sicherheitskonzept sehr gut funktioniert.

Hand aufs Herz: Wie viel Adrenalin ist nach elf Jahren noch dabei, wenn der Zug los marschiert?
G. Hintzen: Adrenalin ist immer dabei und gehört dazu. Wer das nicht mehr verspürt, ist doch nur halbherzig bei der Sache. Irgendwann, wenn der Zug dann auf der Strecke ist, fällt das ein bisschen von einem ab. Natürlich ist das dann auch der Routine geschuldet.

Bedarf es nicht auch einer karnevalsverrückten Familie, die hinter diesem ehrenamtlichen Engagement stehen muss?
G. Hintzen: Das ist sogar die Voraussetzung, sonst würde ein solches Ehrenamt nicht möglich sein. Zwar ist meine Frau durch mich erst spät zum Karneval gekommen, doch dafür steht sie jetzt umso mehr dahinter. Sie hilft in vielen Belangen sogar mit, sei es administrativ oder am Rosenmontag vor Ort. Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind ebenfalls karnevalistisch aktiv. Insofern ist der Apfel nicht weit vom Stamm gefallen. Karnevalstisch ist die Familie schon gut aufgestellt.

Das neue Vorstands-Team um AAK-Präsident Frank Prömpeler strebt für die Zukunft mehr Qualität statt Masse an. In wieweit befeuert das auch Ihre eigene Motivation?
G. Hintzen: Wir versuchen schon seit Jahren, die Qualität des Rosenmontagszuges zu steigern. Es ist doch großartig, dass wir so viele Fußgruppen haben, die sich das ganze Jahr über Gedanken machen, Motive zu finden, die Kostüme dazu zu entwickeln und sie zu schneidern. Grundsätzlich fragt man sich: Wo beginnt Qualität und hört Quantität auf? Die Leute, die jedes Jahr mitmachen, sind qualitativ sehr hoch aufgestellt, weil sie mit Leib und Seele ja auch Karnevalisten sind. Gerade in den letzten Jahren sind die Motivwagen der Vereine aufgerüstet worden. Doch alles ist auch eine Sache des Geldes, zumal auch Sponsoring in Zeiten knapper Kassen schwieriger wird.

Was macht der Zugleiter nach dem Rosenmontagszug?
G. Hintzen: Sich sammeln und die Dinge erst einmal sacken lassen. Dann geht es zur Nachbesprechung. Und wenn alles gut gelaufen und nichts passiert ist, kann ich erleichtert durchatmen und im Kreise meiner eigenen Karnevalsgesellschaft, der Rathausgarde Oecher Duemjroefe, ein Bier trinken...

Das Gespräch führte Hans Creutz (Foto: Hans Creutz)

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