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Sicherheit bei den Umzügen in Aachen wird besonders groß geschrieben – Christliche Kostüme und „bewaffnete“ Gruppen in Kampfanzügen haben in den Umzügen nichts zu suchen

Geschrieben am 27.01.2016 16:45 von Hans Creutz

Aachen. Bei diesen beiden Männern des FestAusschusses Aachener Karneval (AAK) laufen die Fäden der närrischen Umzüge an den tollen Tagen zusammen: Während der Leiter des Rosenmontagszuges Günter Hintzen seine Position als strenger Hüter über die Prunkwagen der Aachener Karnevalsgesellschaften sowie über die Fuß- und Musikgruppen wahrnimmt, organisiert Dirk Engels den Kinderzug. Wir unterhielten uns mit den beiden Organisatoren, ohne deren ehrenamtliches Engagement keine geordneten Umzüge möglich wären.

Routine oder wiederkehrende Herausforderung? Wie ist das, wenn Sie an den tollen Tagen die Umzüge koordinieren?
G. Hintzen: Natürlich ist schon sehr viel Routine dabei. Doch darf sie nicht zum Alltag werden, weil es jedes Jahr neue Herausforderungen gibt. Zum Beispiel haben wir in der Stadt seit 1. Februar die Umweltzone. Unabhängig davon, ob der Rosenmontag eine Ausnahmesituation darstellt, haben wir schon früh beschlossen, dass alle Zugfahrzeuge grüne Umweltplaketten haben müssen. Zudem haben uns auch die entsetzlichen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht beschäftigt. Derartige Vorfälle wollen wir hier nicht erleben. Wir haben mit allen Ordnungs- und Sicherheitskräften ein umfangreiches Sicherheitskonzept erarbeitet.. Also überlassen wir auch in diesem Punkt nichts dem Zufall.

D. Engels: Für mich ist es das erste Jahr als Kinderzugleiter. Als Neuling sehe ich in dieser verantwortungsvollen Aufgabe folglich eine riesige Herausforderung. Jetzt freue ich mich einfach nur darauf.


Wie lautet in diesem Jahr das Motto und welchen Einfluss hat die Zugleitung darauf, dass es auch mit Inhalten gefüllt wird?
G. Hitzen: Natürlich ist es unser Anliegen, dass das Motto „Heäße Quelle än Tamtam, blive e Oche K(ult)urprogramm“ auch umgesetzt wird. Einfluss darauf haben wir aber relativ wenig. Wir wünschen uns und arbeiten daran, dass die Themen künftig noch mehr umgesetzt werden, erkennbar vor allem an den Wagen. Das alles ist natürlich auch eine Geldfrage. Die Vereine sind dazu noch am ehesten in der Lage. Bei den Privatgruppen dagegen gibt es nur einige, die das Motto auch aufgreifen. Die meisten denken sich selbst die Themen aus.

D. Engels: Das Motto des Ausschusses Aachener Kinderkarneval „Met de Kenger en närrische Kur - at 6 x 11 Johr Oecher Kultur“ ist wie bereits in den letzten Jahren eng an das AAK-Motto geknüpft. Die Erfahrungen zeigen, dass man als Zugleiter kaum Einfluss auf die Umsetzung hat. Als langjähriger aktiver Zugteilnehmer weiß ich aber, dass viele Gruppen versuchen, den Leitfaden in unterschiedlicher Weise einfließen lassen. Besonders Schulen und Kitas.


Wie man weiß, befindet sich Karneval gerade im Wandel. Wie spürbar ist dieser Wandel auch bei den närrischen Umzügen?
G. Hintzen: In den Umzügen ist davon noch nicht all zu viel zu sehen, weil es sich bei diesen Leuten größtenteils um eingefleischte Karnevalisten handelt. Die haben einfach nur Spaß, und das ist beim Karneval auch das Wichtigste. Sonst würden Sie die Strapazen ja auch nicht auf sich nehmen. Auf der anderen Seite ziehen auch Gruppen in außergewöhnlichen Fantasiekostümen mit. Das macht den Zug noch ein bisschen bunter und gehört einfach dazu.


Wann sagt der Zugleiter: Jetzt ist es genug, diese Gruppe kommt mir nicht in den Zug? Was ist erlaubt und wann ist die Grenze des guten Geschmacks erreicht oder sogar überschritten?
G. Hintzen: Christliche Kostüme sollte man auf keinen Fall tragen. Sie sind verletzend, was wir ja schon oft genug kommuniziert haben. Auch Zeitgenossen in Kampfanzügen und mit Waffen kommen überhaupt nicht an. Damit sollte man gerade in dieser Zeit sehr sensibel umgehen. Verkleidungen dieser Art sind äußerst grenzwertig. Da schaut auch die Polizei besonders kritisch hin. Doch schon beim Aufstellen des Zuges werden wir streng darüber wachen, dass so etwas nicht vorkommt. Anhand der Anmeldungen kann man im Übrigen sehen, welches Motto eine Gruppe gewählt hat und was für Kostüme dabei eine Rolle spielen. Gegen Cowboys und Indianer haben wir aber nichts, die haben im Karneval schließlich eine uralte Tradition.

D. Engels: In diesem Punkt kann ich festzustellen, dass sich nur Teilnehmer angemeldet haben, bei denen sich Fragen wie diese nicht stellen. Mein Vorgänger Frank Prömpeler sieht das auch so, schließlich war er neun Jahre Leiter des Kinderzuges, bevor er im September vergangenen Jahres das Amt des AAK-Präsidenten übernahm.
 

Können Sie schon überschlagen, wie viele Wagen, Gruppen und Einzelpersonen mitmachen, und bis wann können Zugteilnehmer sich noch anmelden?
G. Hintzen: Die Anmeldefrist endete im Dezember. 66 Privatgruppen, 48 Vereine, und rund 100 Wagen sind gemeldet. Rund 3500 Teilnehmer ziehen mit im Zug, das sind die groben Daten. Jeder Teilnehmer bekommt von uns einen Button, der zur Teilnahme berechtigt. Die Teilnahme am Zug ist ja auch nicht kostenlos. Im Einsatz sind Kontrollen, die genau hinsehen, ob die Teilnehmer diesen Button auch tragen. Auch diese stillen Helfer erhöhen zusätzlich die Sicherheit.

D. Engels: Meldeschluss war Mitte Januar. So weit ich das überblicken kann, machen allein zwei Drittel der Teilnehmer des letzten Jahren wieder mit. Im Fußball würde man sagen: Da läuft fast wieder eine Stammelf auf, nur mit anderen Ideen und Kostümen.
 

Welche Rolle spielt in diesem Jahr die Sicherheit, besonders vor dem Hintergrund der Kölner Silvesternacht?
G. Hintzen: Die Sicherheitsvorkehrungen werden jedes Jahr verbessert und ergänzt, da sind wir sehr gut aufgestellt. So viel kann ich dazu sagen: Das Konzept ist vorzeigbar. Die Arbeit mit den Behörden wie Ordnungsamt, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste funktioniert dank jahrelanger Zusammenarbeit hervorragend. Da sich auch das Publikum am Straßenrand verändert hat, ist es an manchen Orten leider auch extremer geworden. Wir wissen aber, wo auf dem Zugweg die Gefahrenstellen sind. Die Polizei ist darauf fixiert und weiß, wohin sie notfalls ihre Kräfte hinschickt.

D. Engels: Dieses Thema nehmen wir wie immer Ernst. Aktuell können wir aber keine Gefahrenlage erkennen, die uns Sorgen bereiten könnte. Man darf ja auch nicht vergessen: Hier geht der Kinderzug!
 

Wie viel Sicherheitspersonal wird im Einsatz sein?
G. Hintzen: Zusammen mit den Begleitungen der Fahrzeuge sind wir mit rund 700 Personen im Einsatz. Jeder Verein, der einen Wagen stellt, muss diesen personell auch sichern. Die meisten Vereine beschäftigen dafür sogar Security-Firmen, weil das ja auch eine riesige Verantwortung ist. Zwar kostet das Geld, aber Sicherheit geht vor. Zudem besetzen wir die erforderlichen Straßensperren und sichern die Kreuzungspunkte. Für die Polizei möchte und kann ich keine Angaben machen, weil sie sich auch verdeckt unters Volk mischt.

D. Engels: An welchen Streckenteilen wie viele Sicherheitskräfte eingesetzt werden, ergibt sich aus den Erfahrungen der letzten Umzüge und wird eng mit dem Ordnungsamt, der Polizei, Sanitätsdienst und Feuerwehr abgestimmt. Bereits im November hat es in diesem Punkt eine große und intensive Sicherheitsbesprechung gegeben, an der 17 Experten teilgenommen haben.
 

Längst werden nicht mehr nur Kamelle geworfen. Was ist erlaubt, was nicht – und wann drückt die Zugleitung auch mal ein Auge zu?
G. Hintzen: Erlaubt ist fast alles. Außer Papier und Flyer, weil wir auch an die Straßenreinigung nach dem Zug denken müssen. Werbung ist grundsätzlich verboten im Rosenmontagszug. Geworfen werden kann ziemlich alles, soweit das Lebensmittel-Schutzgesetz dies zulässt. Alles, was aus Glas ist oder Kanten hat, zum Beispiel Pralinenschachteln oder Schokoladentafeln, sollte gereicht und nicht geworfen werden, da die Verletzungsgefahr doch ziemlich groß ist. Das gilt übrigens auch für die Zuschauer. Denn leider kommt es auch vor, dass Wurfmaterial zurückgeworfen wird und Zugteilnehmer auf den Wagen dabei verletzt werden.

D. Engels: Für den Kinderzug gelten die gleichen Regeln, wie für den Rosenmontagszug: Keine Reklame, kein Papier, kein Styropor und auch keine Autogrammkarten! Wer dagegen verstößt ,kann dafür unter Umständen tief in die Tasche greifen, wenn nämlich die Rechnung über die zusätzliche Reinigungskosten später im Briefkasten landet. Schokolade und Pralinen sind keine Frisbee-Scheiben, da schließe ich mich gerne an.

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