Pratschjeck op Fastelovvend im Aachener Karneval

Ausstellung im Centre Charlemagne – Eröffnung mit den Wheels

Geschrieben am 30.10.2018 22:37 von Administrator

Aachen. „Vür sönd allemoele Öcher Jonge – Weä jett well, deä ka jo komme...“ Es sind nicht nur die Jungs, sondern alle Aachener und Aachenerinnen, die dieses Lied jedes Jahr zu Karneval mit Inbrunst schmettern. Aber nur die wenigsten wissen, wie viel Karneval tatsächlich drin steckt in dieser Hymne, nämlich – neben jugendlicher Selbstüber- schätzung und allgemeiner Rauflust – die bereits seit der Franzosenzeit verbriefte Öcher Ablehnung und Verballhornung des Militärs: Die Aachener zeigten ihre Abneigung, indem sie – etwa vor der französischen Kaserne in der Elsassstraße – in Lumpenkostümen, die Uniformen nachempfunden waren, auf und ab paradierten, Schmählieder sangen und den militärischen Gruß parodierten. Die Öcher waren die ersten, die in dieser Form gegen die französische Besatzung protestierten. Doch es waren Kölner, die sich erstmals offiziell als uniformierter Karnevalsverein organisierten. 1829 zog die „Aachener Karnevals Florresei“ nach.

Solche Geschichten und noch viel mehr erzählt die Ausstellung „Pratschjeck op Fastelovvend – Karneval in Aachen“, die aus Anlass des Europäischen Weltkultur- erbejahres der UNESCO vom 10. November 2018 bis zum 10. März 2019 im Centre Charlemagne – Neues Stadtmuseum Aachen zu erleben ist.

Als die Tanzmariechen männlich waren

Unter Einbeziehung aller Sinne und anhand vieler anschaulicher Zeugnisse führt die Ausstellung in 12 Etappen durch die Geschichte des Karnevals in Aachen und Umgebung. Im Mittelpunkt stehen der Märchenprinz – eine Aachener Besonderheit – und natürlich Prinz Karneval, der ursprünglich „Held Karneval“ hieß und mit der Etablierung des deutschen Kaiserreiches umbenannt werden musste, damit er hierarchisch garantiert unter dem Kaiser stand. Historische Prinzenkostüme sind nicht nur schön anzuschauen, sondern verweisen auch darauf, dass zumindest der organisierte Karneval von jeher eine reine Männerangelegenheit war und teils bis heute ist, auch in Aachen. Selbst die Tanzmariechen waren männlich, was erst die Nationalsozialisten änderten, weil ihnen Männer in Frauenkleidern ideologisch nicht passten. Eine Restaurantszene mit vielen edel gestalteten Eintrittsbillets, Menükarten und Liederheften erinnert daran, dass der Karneval im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch eine Sache geschlossener Gesellschaften in gediegenen Etablissements war, also: kleine bestuhlte Säle in den gehobenen Restaurants, in denen ernst aussehende Männer im schwarzen Frack und bunter Narrenkappe saßen.

Dass auch Frauen Karneval können und auch das Vereinsleben bereichern, dokumentiert die Ausstellung mit den Marktweibern, den Erkelenzer Möhnen und der KG Adler Werth, einer Stolberger Frauengruppe, die aus einer Frauenfußballmannschaft der 1960-er Jahre hervorgegangen ist. Und wer stellte den ersten schwarzen Karnevalsprinzen in Deutsch- land? Richtig, Richterich mit Balam I.

Muschelmann und Glöckchen-August

Es gibt so viel zu sehen, zu hören und sogar anzufassen: eine Jukebox mit allen relevanten Karnevalshits, Orden, einen Kiosk mit Zeitungen zum Durchblättern, eine echte Bütt als Hörstation (mit einer Original-Büttenrede aus dem 19. Jahrhundert!), eine riesengroße Wagenfigur eines Gardisten der Prinzengarde , ein Wohnzimmer mit Fotoalben, eine Litfasssäule mit Sessionsplakaten. Besonders schön sind die selbstgemachten, aus der Not geborenen Nachkriegskostüme: der Muschelmann und der Glöckchen-August. Wie so oft im Centre Charlemagne, sind in der Präsentation auch wieder Exponate von Bürgern und Bürgerinnen vertreten, die diese beigetragen haben.

Allein in Aachen gibt es mehr als 70 Karnevalsvereine

Bereits im Jahr 1338 erstmals urkundlich erwähnt, ist der Öcher Karneval im regionalen Vergleich ein herausragend frühes Beispiel seiner Art. Heute ist Aachen eine der großen Karnevalshochburgen des Rheinlandes und der Euregio, und der Aachener Karneval zählt seit 2014 als Teil des Rheinischen Karnevals gar zum immateriellen Weltkulturerbe. Allein in der Stadt Aachen gibt es mehr als 70 Karnevalsvereine, oftmals mit berufs- ständischem oder konfessionellem Hintergrund, nachbarschaftlich organisierte Gruppen oder auch Vereinigungen, die einen alternativen Karneval feiern. Im Aachener Grenzland sind mehr als 30.000 Menschen in Karnevalsvereinen organisiert und engagiert.

Ziel der Ausstellung

Angesichts der aktuell zunehmenden und sich verändernden kulturellen Vielfalt sind die individuelle Entwicklung von Identität wie auch die Herausbildung eines kollektiven und interkulturellen Bewusstseins zur großen Herausforderung geworden. Daher bedarf es der verstärkten Sichtbarkeit von Vielseitigkeit sowie Zusammengehörigkeit des gemeinsamen kulturellen Erbes. Diesen Anspruch will die Ausstellung einlösen und Ausgangspunkt kultureller Identifikation und individueller Entwicklung in lokaler und (eu-)regionaler Hinsicht sein.

Quelle: Fachbereich Presse und Marketing der Stadt Aachen
Copyright Bild: Sammlung Crous / www.medien.aachen.de / Fachbereich Presse und Marketing

 

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